Rätselhafte Reliquien und weinende Heilige
Süddeutsche Zeitung - 27.7.99
(Scientific American, february 1996, p.124)

     

Ein italienischer Chemiker sucht – ebenso wie die katholische Kirche – nach wissenschaftlichen Erklärungen für „übernatürliche" Phänomene
Von Stefan Albus


  Nicht mal vor dem Fernseher findet Luigi Garlaschelli seine Ruhe. Vor wenigen Jahren sah der italienische Chemiker im Wohnzimmersessel eine Dokumentation über indische Tempel. Darin kam eine kleine Elefantenstatue vor, die unter den Augen der andächtigen Tempelbesucher offenbar Milch aus einem Löffel trank. War da etwa Übersinnliches am Werk?
Was andere nur zum Staunen bringt, fordert Garlaschelli geradezu heraus. Der Forscher, der an der Universität Pavia Vorlesungen über eher diesseitige Dinge wie Steroid-Hormone hält und sich in seinem Labor mit Pilzen und Medizinpflanzen auseinandersetzt, folgt einer ungewöhnlichen Berufung: Er versucht, den naturwissenschaftlichen Ursachen hinter scheinbar übersinnlichen Erscheinungen auf den Grund zu gehen.

Das Geheimnis des Tempel-Elefanten war per Ferndiagnose – inzwischen von einem Wissenschaftlerteam aus Neu-Delhi bestätigt – schnell gelüftet: „Die Milch wird über Kapillarkräfte unter den Körper des Elefanten geleitet, wo sie dann abtropft." Dieses Detail bleibt den Tempelbesuchern jedoch verborgen, da der Elefant von Blumen umhüllt ist. Nicht der Wille einer Gottheit steckte also hinter dem scheinbar übersinnlichen Phänomen, sondern die gleiche Kraft, die es auch unter einem vollen Waschbecken tropfen läßt, wenn man ein Handtuch zur Hälfte ins Wasser und zur Hälfte über die Kante des Beckens legt.

Scotland-Yard für Geister

Für Garlaschelli war dies nicht der erste Fall von scheinbar paranormalen Ereignissen in religiösem Umfeld. Der Chemiker ist Mitglied des CICAP (Comitato Italiano per il Controllo delle Affermazioni sul Paranormale), dem „Italienischen Komitee zur Untersuchung der Behauptungen über paranormale Vorkommnisse" – einer Art italienischem Geister-Scotland-Yard. Wer sich auf der Internetseite dieser Organisation umsieht, findet Veröffentlichungen über alles, was normale Menschen erschauern läßt oder zumindest ein nachdenkliches Kratzen am Kopf hervorruft – von wissenschaftlichen Untersuchungen angeblicher UFO-Invasionen bis hin zu Poltergeistern und Menschen mit Röntgenaugen. Daneben aber findet man auch Studien zu Phänomenen, die man in diesem Umfeld vielleicht nicht erwartet hätte: blutende Hostien, weinende Marienbildnisse und Heiligenbilder, die Öl in verschlossene Flaschen zaubern können. Und genau das sind Garlaschellis Spezialitäten.
Dazu zählt auch das Blut des St. Januarius. Diese Reliquie gehört zu den rund 190 Blutreliquien – über die Jahrhunderte gerettete „Blutproben" früher Heiliger –, die in Italien, speziell in der Nähe von Neapel, verehrt werden. Sankt Januarius war ein Bischof, der während der Christenverfolgung im Jahre 305 enthauptet wurde. Sein Blut bereitet Skeptikern heute Kopfzerbrechen: Es befindet sich angeblich das ganze Jahr über in geronnenem Zustand in einer gläsernen Flasche; ein- oder zweimal im Jahr aber verflüssigt es sich während eines feierlichen Gottesdienstes. Ein Wunder?

„Wir vermuten, daß die Reliquie eine ‘thixotrope’ Flüssigkeit enthält", sagt Garlaschelli – also eine Mischung, die sich wie Ketchup zunächst in einem halbfesten Zustand befindet und sich erst durch Schütteln in Bewegung setzt. Die nötige Bewegungsenergie könnte im Falle des Blutes von St. Januarius durch das Drehen während der kirchlichen Zeremonie aufgebracht werden (Chemie in unserer Zeit, Bd. 33, S. 152, 1999).

Diese These hat allerdings einen Haken: Geronnenes Blut kann so etwas nicht. Dafür aber eine verdächtig ähnlich aussehende Mischung einfacher Chemikalien, die auch schon im Jahre 1389 zur Verfügung gestanden haben könnten, als die Reliquie das erste Mal auftauchte: Eisenchlorid, Kalk und Kochsalz. Der Rezepturvorschlag muß allerdings Hypothese bleiben, denn die Kirche hat es dem Chemiker bislang nicht gestattet, eine heilige Blutprobe zu ziehen.

Anders liegt der Fall bei einer weiteren Blutreliquie, die sich auf den ersten Blick noch rätselhafter verhält: Das Blut des St. Lorenzo, das in einem verschlossenen Gefäß in Amaseno aufbewahrt wird: Es wird nur einmal im Jahr flüssig – am 10. August, an dem Tag, an dem der Märtyrer vom römischen Kaiser Valerian zu Tode gequält wurde. Wie Garlaschelli mit einem Fön und einem Eiswasserbad feststellte, ist der Grund für den ungewöhnlichen Wechsel des Aggregatzustands offenbar nicht die übersinnliche Mahnung an den Todestag des Heiligen, sondern schlicht der Schmelzpunkt eines Gemisches, das aus Fetten, Wachsen und roter Farbe besteht. Diese Substanzen schmelzen, wenn der Flakon im Sommer aus dem kühlen Altarraum in die von brennenden Kerzen beleuchtete, betende Menschenmenge gebracht wird. Wie diese wenig heilige Mischung in die Flasche kam – und wo das Blut des Heiligen Lorenzo geblieben ist – bleibt jedoch im dunkeln. Die Reliquie ist seit dem 12. Jahrhundert bekannt, fromme Geschichtsschreiber berichten jedoch erst im 17. Jahrhundert über die wunderliche Verflüssigung. Da liegt der Verdacht nahe, daß der Inhalt des Flakons ausgetauscht wurde.

Was aber treibt Garlaschelli an, solchen Fragen so nachzugehen, wie andere Leute Knobelspiele lösen? Will er den Menschen ihren Glauben nehmen? „Nein, ich bin einfach neugierig", sagt Garlaschelli: „Der Begriff ‘Übersinnliches Phänomen’ bedeutet schließlich, daß man es mit Dingen zu tun hat, die man mit bekannten Naturgesetzen nicht erklären kann. Darum sehen wir uns derartige Phänomene an, so genau es geht, und suchen Erklärungen. Wer weiß, vielleicht finden wir dann tatsächlich neue Naturgesetze", sagt der Chemiker. Immerhin, so fügt er hinzu, sind wir manchmal ein wenig skeptischer als die Kirche.

Die allerdings ist in puncto angeblich übersinnlicher Vorkommnisse inzwischen ebenfalls vorsichtig geworden. Zwar erkennt die katholische Kirche auch heute noch gelegentlich Wunder an – wie zum Beispiel unerklärliche Heilungen in Lourdes, die seit 1954 ein mehrköpfiges Ärzteteam daraufhin prüft, ob sie sich rein medizinisch erklären lassen: Von angeblich 30 000 Heilungen, die Pilgern in der bekannten Grotte in Südfrankreich erfahren haben sollen, wurden bislang 2000 eingehend untersucht; lediglich 66 davon wurden als Wunder anerkannt. „Aber im allgemeinen sind wir äußerst skeptisch, wenn uns von einem neuen Wunder berichtet wird," sagt Udo Friedrich Schmelzle, der an der Universität Münster praktische Theologie lehrt – zu groß sei die Wahrscheinlichkeit, daß sich jemand wichtig machen möchte oder einer Selbsttäuschung unterliegt. Wunderkandidaten werden daher von Fachleuten aller Disziplinen ausgiebig untersucht. Und selbst wenn ein Phänomen als Wunder anerkannt wird, heißt daß nicht, daß jeder Katholik das genauso zu sehen hat: „Niemand muß daran glauben", sagt Schmelzle.

Bislang hat aber noch kein Bischof bei dem Chemiker Garlaschelli angeklopft, um zu fragen, ob er bei der Aufklärung aktueller Fragen helfen könne. „Höchstens zu Ereignissen, die hunderte Jahre zurückliegen", sagt der Wissenschaftler: „Aber dazu kann heute niemand mehr etwas sagen."

Betrug mit ausgehöhlter Maria

Also sucht er auf eigene Faust weiter nach ungeklärten Fällen. Da gibt es einige Überraschungen: Marienbilder, die Blut weinen – das dann allerdings nachweislich von einem Mann stammt – und „blutende" Hostien, deren rote Farbe nicht vom Blute des Erlösers, sondern von einem seltenen Schimmelpilz namens Serratia marcescens stammt. Anderen weinenden Statuen schießt das Wasser in die Augen, da bei ihrer Herstellung die Glasur an den Augen weggelassen wurde. So kann Wasser aus einem Hohlraum im Kopf der Ikonen durch den porösen Ton in ihre Augen sickern – etwa in einem Fall aus dem Jahre 1953, der von der Katholischen Kirche offiziell als Wunder anerkannt worden war.
In solchen Fällen, wenn sich ein Wunder später als Betrug entpuppt, spricht für die Kirche nichts dagegen, die ursprüngliche Einschätzung zu revidieren. Zuständig ist der Bischof der Region, in der das angebliche Wunder aufgetreten sein soll. Allerdings, so gibt man bei der Deutschen Bischofskonferenz zu bedenken, sei auch bei nachgewiesenen Täuschungen Taktgefühl und Rücksicht auf die Volksfrömmigkeit angebracht, insbesondere in armen Gegenden.

Betrug war vermutlich auch im Spiel einer Frau, die behauptete, ein Marienbild – das ebenfalls weinen konnte, allerdings nie vor einer Kamera – vermöge versiegelte Flaschen über Nacht mit Öl zu füllen: Zugeschmolzene, penibel gewogene und numerierte Glasfläschchen, die Garlaschelli der Dame zu Demonstrationszwecken zuschickte, kamen zum Teil zerbrochen zurück; diejenigen, die angeblich heiliges Öl enthielten, waren offensichtlich aufgeschmolzen worden.

Also doch keine neuen Naturgesetze in Sicht? Anstelle eines Nobelpreises, den ihm das Auffinden solcher neuen Gesetze einbringen könnte, hat sich Garlaschelli bei der Suche nach Erklärungen für übersinnliche Phänomene immerhin ein paar ungewöhnliche Kenntnisse erworben: „Ich habe jetzt auch selbst gelernt, scheinbar übernatürliche Dinge zu tun – etwa Glas zu essen oder meinen Herzschlag zu stoppen."

Dabei sind die Kirche und der italienische Chemiker gar nicht so weit auseinander. Zumindest schließen beide übernatürliche Phänomene nicht aus. „Letztlich kommt es darauf an", so Theologe Schmelzle, „ob Sie Wunder als Möglichkeit im Lichte des Glaubens akzeptieren wollen, oder von Anfang an sagen: ,So etwas kann es nicht geben.’"