Ein
italienischer Chemiker sucht – ebenso wie die katholische
Kirche – nach wissenschaftlichen Erklärungen für
„übernatürliche" Phänomene
Von Stefan Albus
Nicht
mal vor dem Fernseher findet Luigi Garlaschelli seine Ruhe.
Vor wenigen Jahren sah der italienische Chemiker im Wohnzimmersessel
eine Dokumentation über indische Tempel. Darin kam eine
kleine Elefantenstatue vor, die unter den Augen der andächtigen
Tempelbesucher offenbar Milch aus einem Löffel trank. War
da etwa Übersinnliches am Werk?
Was andere nur zum Staunen bringt, fordert Garlaschelli geradezu
heraus. Der Forscher, der an der Universität Pavia Vorlesungen
über eher diesseitige Dinge wie Steroid-Hormone hält
und sich in seinem Labor mit Pilzen und Medizinpflanzen auseinandersetzt,
folgt einer ungewöhnlichen Berufung: Er versucht, den naturwissenschaftlichen
Ursachen hinter scheinbar übersinnlichen Erscheinungen
auf den Grund zu gehen.
Das Geheimnis des Tempel-Elefanten war per Ferndiagnose – inzwischen
von einem Wissenschaftlerteam aus Neu-Delhi bestätigt –
schnell gelüftet: „Die Milch wird über Kapillarkräfte
unter den Körper des Elefanten geleitet, wo sie dann abtropft."
Dieses Detail bleibt den Tempelbesuchern jedoch verborgen, da
der Elefant von Blumen umhüllt ist. Nicht der Wille einer
Gottheit steckte also hinter dem scheinbar übersinnlichen
Phänomen, sondern die gleiche Kraft, die es auch unter
einem vollen Waschbecken tropfen läßt, wenn man ein
Handtuch zur Hälfte ins Wasser und zur Hälfte über
die Kante des Beckens legt.
Scotland-Yard
für Geister
Für
Garlaschelli war dies nicht der erste Fall von scheinbar paranormalen
Ereignissen in religiösem Umfeld. Der Chemiker ist Mitglied
des CICAP (Comitato Italiano per il Controllo delle Affermazioni
sul Paranormale), dem „Italienischen Komitee zur Untersuchung
der Behauptungen über paranormale Vorkommnisse" – einer
Art italienischem Geister-Scotland-Yard. Wer sich auf der Internetseite
dieser Organisation umsieht, findet Veröffentlichungen
über alles, was normale Menschen erschauern läßt
oder zumindest ein nachdenkliches Kratzen am Kopf hervorruft
– von wissenschaftlichen Untersuchungen angeblicher UFO-Invasionen
bis hin zu Poltergeistern und Menschen mit Röntgenaugen.
Daneben aber findet man auch Studien zu Phänomenen, die
man in diesem Umfeld vielleicht nicht erwartet hätte: blutende
Hostien, weinende Marienbildnisse und Heiligenbilder, die Öl
in verschlossene Flaschen zaubern können. Und genau das
sind Garlaschellis Spezialitäten.
Dazu zählt auch das Blut des St. Januarius. Diese Reliquie
gehört zu den rund 190 Blutreliquien – über die Jahrhunderte
gerettete „Blutproben" früher Heiliger –, die in Italien,
speziell in der Nähe von Neapel, verehrt werden. Sankt
Januarius war ein Bischof, der während der Christenverfolgung
im Jahre 305 enthauptet wurde. Sein Blut bereitet Skeptikern
heute Kopfzerbrechen: Es befindet sich angeblich das ganze Jahr
über in geronnenem Zustand in einer gläsernen Flasche;
ein- oder zweimal im Jahr aber verflüssigt es sich während
eines feierlichen Gottesdienstes. Ein Wunder?
„Wir vermuten, daß die Reliquie eine ‘thixotrope’ Flüssigkeit
enthält", sagt Garlaschelli – also eine Mischung, die sich
wie Ketchup zunächst in einem halbfesten Zustand befindet
und sich erst durch Schütteln in Bewegung setzt. Die nötige
Bewegungsenergie könnte im Falle des Blutes von St. Januarius
durch das Drehen während der kirchlichen Zeremonie aufgebracht
werden (Chemie in unserer Zeit, Bd. 33, S. 152, 1999).
Diese These hat allerdings einen Haken: Geronnenes Blut kann
so etwas nicht. Dafür aber eine verdächtig ähnlich
aussehende Mischung einfacher Chemikalien, die auch schon im
Jahre 1389 zur Verfügung gestanden haben könnten,
als die Reliquie das erste Mal auftauchte: Eisenchlorid, Kalk
und Kochsalz. Der Rezepturvorschlag muß allerdings Hypothese
bleiben, denn die Kirche hat es dem Chemiker bislang nicht gestattet,
eine heilige Blutprobe zu ziehen.
Anders liegt der Fall bei einer weiteren Blutreliquie, die sich
auf den ersten Blick noch rätselhafter verhält: Das
Blut des St. Lorenzo, das in einem verschlossenen Gefäß
in Amaseno aufbewahrt wird: Es wird nur einmal im Jahr flüssig
– am 10. August, an dem Tag, an dem der Märtyrer vom römischen
Kaiser Valerian zu Tode gequält wurde. Wie Garlaschelli
mit einem Fön und einem Eiswasserbad feststellte, ist der
Grund für den ungewöhnlichen Wechsel des Aggregatzustands
offenbar nicht die übersinnliche Mahnung an den Todestag
des Heiligen, sondern schlicht der Schmelzpunkt eines Gemisches,
das aus Fetten, Wachsen und roter Farbe besteht. Diese Substanzen
schmelzen, wenn der Flakon im Sommer aus dem kühlen Altarraum
in die von brennenden Kerzen beleuchtete, betende Menschenmenge
gebracht wird. Wie diese wenig heilige Mischung in die Flasche
kam – und wo das Blut des Heiligen Lorenzo geblieben ist – bleibt
jedoch im dunkeln. Die Reliquie ist seit dem 12. Jahrhundert
bekannt, fromme Geschichtsschreiber berichten jedoch erst im
17. Jahrhundert über die wunderliche Verflüssigung.
Da liegt der Verdacht nahe, daß der Inhalt des Flakons
ausgetauscht wurde.
Was aber treibt Garlaschelli an, solchen Fragen so nachzugehen,
wie andere Leute Knobelspiele lösen? Will er den Menschen
ihren Glauben nehmen? „Nein, ich bin einfach neugierig", sagt
Garlaschelli: „Der Begriff ‘Übersinnliches Phänomen’
bedeutet schließlich, daß man es mit Dingen zu tun
hat, die man mit bekannten Naturgesetzen nicht erklären
kann. Darum sehen wir uns derartige Phänomene an, so genau
es geht, und suchen Erklärungen. Wer weiß, vielleicht
finden wir dann tatsächlich neue Naturgesetze", sagt der
Chemiker. Immerhin, so fügt er hinzu, sind wir manchmal
ein wenig skeptischer als die Kirche.
Die allerdings ist in puncto angeblich übersinnlicher Vorkommnisse
inzwischen ebenfalls vorsichtig geworden. Zwar erkennt die katholische
Kirche auch heute noch gelegentlich Wunder an – wie zum Beispiel
unerklärliche Heilungen in Lourdes, die seit 1954 ein mehrköpfiges
Ärzteteam daraufhin prüft, ob sie sich rein medizinisch
erklären lassen: Von angeblich 30 000 Heilungen, die Pilgern
in der bekannten Grotte in Südfrankreich erfahren haben
sollen, wurden bislang 2000 eingehend untersucht; lediglich
66 davon wurden als Wunder anerkannt. „Aber im allgemeinen sind
wir äußerst skeptisch, wenn uns von einem neuen Wunder
berichtet wird," sagt Udo Friedrich Schmelzle, der an der Universität
Münster praktische Theologie lehrt – zu groß sei
die Wahrscheinlichkeit, daß sich jemand wichtig machen
möchte oder einer Selbsttäuschung unterliegt. Wunderkandidaten
werden daher von Fachleuten aller Disziplinen ausgiebig untersucht.
Und selbst wenn ein Phänomen als Wunder anerkannt wird,
heißt daß nicht, daß jeder Katholik das genauso
zu sehen hat: „Niemand muß daran glauben", sagt Schmelzle.
Bislang hat aber noch kein Bischof bei dem Chemiker Garlaschelli
angeklopft, um zu fragen, ob er bei der Aufklärung aktueller
Fragen helfen könne. „Höchstens zu Ereignissen, die
hunderte Jahre zurückliegen", sagt der Wissenschaftler:
„Aber dazu kann heute niemand mehr etwas sagen."
Betrug
mit ausgehöhlter Maria
Also
sucht er auf eigene Faust weiter nach ungeklärten Fällen.
Da gibt es einige Überraschungen: Marienbilder, die Blut
weinen – das dann allerdings nachweislich von einem Mann stammt
– und „blutende" Hostien, deren rote Farbe nicht vom Blute des
Erlösers, sondern von einem seltenen Schimmelpilz namens
Serratia marcescens stammt. Anderen weinenden Statuen schießt
das Wasser in die Augen, da bei ihrer Herstellung die Glasur
an den Augen weggelassen wurde. So kann Wasser aus einem Hohlraum
im Kopf der Ikonen durch den porösen Ton in ihre Augen
sickern – etwa in einem Fall aus dem Jahre 1953, der von der
Katholischen Kirche offiziell als Wunder anerkannt worden war.
In solchen Fällen, wenn sich ein Wunder später als
Betrug entpuppt, spricht für die Kirche nichts dagegen,
die ursprüngliche Einschätzung zu revidieren. Zuständig
ist der Bischof der Region, in der das angebliche Wunder aufgetreten
sein soll. Allerdings, so gibt man bei der Deutschen Bischofskonferenz
zu bedenken, sei auch bei nachgewiesenen Täuschungen Taktgefühl
und Rücksicht auf die Volksfrömmigkeit angebracht,
insbesondere in armen Gegenden.
Betrug war vermutlich auch im Spiel einer Frau, die behauptete,
ein Marienbild – das ebenfalls weinen konnte, allerdings nie
vor einer Kamera – vermöge versiegelte Flaschen über
Nacht mit Öl zu füllen: Zugeschmolzene, penibel gewogene
und numerierte Glasfläschchen, die Garlaschelli der Dame
zu Demonstrationszwecken zuschickte, kamen zum Teil zerbrochen
zurück; diejenigen, die angeblich heiliges Öl enthielten,
waren offensichtlich aufgeschmolzen worden.
Also doch keine neuen Naturgesetze in Sicht? Anstelle eines
Nobelpreises, den ihm das Auffinden solcher neuen Gesetze einbringen
könnte, hat sich Garlaschelli bei der Suche nach Erklärungen
für übersinnliche Phänomene immerhin ein paar
ungewöhnliche Kenntnisse erworben: „Ich habe jetzt auch
selbst gelernt, scheinbar übernatürliche Dinge zu
tun – etwa Glas zu essen oder meinen Herzschlag zu stoppen."
Dabei sind die Kirche und der italienische Chemiker gar nicht
so weit auseinander. Zumindest schließen beide übernatürliche
Phänomene nicht aus. „Letztlich kommt es darauf an", so
Theologe Schmelzle, „ob Sie Wunder als Möglichkeit im Lichte
des Glaubens akzeptieren wollen, oder von Anfang an sagen: ,So
etwas kann es nicht geben.’"